Recordplayer
Timeline
 
 

1950-
1968

Stefan Kreiner
Herzogenaurch 1966

UNDER THE HOOD

Seine ersten Erfahrungen mit »Trommeln« macht Stefan Kreiner im Spielmannszug seiner fränkischen Heimatstadt Herzogenaurach. Er ist überaus talentiert. Im Alter von 15 Jahren kommt er immer öfter bei den Proben zu spät. Als er dann noch bei der Qualifizierung für den bayerischen Musikwettbewerb angetrunken gegen den Takt schlägt, wird er aus der Kapelle ausgeschlossen.

Er verkauft sein Mofa, erwirbt sein erstes Schlagzeug und nimmt Unterricht beim Schlagzeuger der regional bekannten Band The Beatadors. Bald wir ihm klar, dass sein Lehrer ihm nicht mehr viel beibringen kann. Stefan macht mit seinen Freunden im Keller Musik und sie gründen eine Band. Bernd Keller spielt Bass, Klaus Keller Gitarre. Phillip Teichmann, der seit seiner Kind- heit Klavier spielt, kommt mit einer Hammondorgel dazu. Sie nennen sich Falconhood. Schon von Beginn an spielt Improvi- sation in ihrer Musik eine grože Rolle, die sie immer sphärischer fortentwickeln. Falconhood wird in den nächsten Jahren die wichtigste Band innerhalb der psychodelischen Popkultur in der Region. Ihre Konzerte sind legendär und stilbildend; ihre Demo- bänder werden kopiert und weitergegeben. Falconhood erhält schliežlich einen Plattenvertrag. In der Fränkischen Schweiz mieten sie einen Bauernhof und gründen eine Musikkommune. Sie beginnen mit den Arbeiten für ihr erstes Album. Als sie ins Studio gehen, sind sie mit dem Ergebnis der Aufnahmen nicht zufrieden. Die Improvisation, die zum Herzstück und Marken- zeichen ihrer Musik geworden ist, kann sich in der sterilen Atmosphäre des Tonstudios nicht richtig entfalten. Die Platten- firma stellt ihnen ein Aufnahmeequipment in der Landkommune zur Verfügung. Zwei Monate danach ist under The hood fertig. Das Album wird zu einem Meilenstein des deutschen Krautrocks.

Stefan Kreiner
Herzogenaurch 1966

Stefan Auf der Bühne
München 1968

 

1968-1973

Falconhood
Im Wohnzimmer der Kommune 1972

LEBEN IN DER KRAUTKOMUNE

Es folgen die Alben, Glitzerhimmel und The chronicles of kazadoom, die ähnlich erfolgreich sind. Sie gehen auf Deutschlandtournee. Bei den Aufnahmen zum fünften Album wird immer mehr offenbar, dass sich Falconhood in einer Krise befindet: Die Bandmitglieder haben sich in verschiedene Richtungen entwickelt; auch ein extensiver Drogenkonsum macht es zunehmend schwer, sich auf gemein- same Motive zu konzentrieren. Was zuvor ihre Stärke war, aus einem gemeinsamen psychedelischen Erleben heraus in weiten Räumen zu improvisieren und immer wieder zu neuen Formen zu finden, gelingt nicht mehr; stattdessen wiederholen sie sich in den immer gleichen Mustern.

Ihre Musikkommune in der fränkischen Schweiz ist zu einem regionalen Mekka der Hippikultur geworden. In ihrem Umfeld entstehen neue Bands. Einige der Protagonisten werden deutschlandweit bekannt, wie etwa die Musiker der Band Aorta, die bis heute für kernigen Deutschrocksound stehen.

 

1974-
Heute

Stefan An der Tampura
Goa 1980

INDIEN

Die Band beschliežt, mit einem Bus durch Indien zu reisen, um neue Impulse zu erhal- ten, aber auch, um einen Weg der »Bewusstseinserweiterung« zu gehen. Nach einem halben Jahr in Indien spielen Falconhood zusammen mit einigen indischen Musikern in einem Tonstudio in Bangalore einige Stücke ein; Stefan ist bei dieser Aufnahme das letzte Mal als Schlagzeuger zu hören. Während die Stücke in Deutschland als Platte erscheinen, trennt sich die Band. Stefan bleibt in Indien und schliežt sich dem Guru Nijagi Sanza an, lernt die Tanpura spielen und schwört den Rhythmusinstrumenten radikal ab. Musik wird für ihn nun zur spirituellen Reise, zur der Meditation. Er nimmt im Verlaufe von drei Jahren sechs komplette Longplayer mit einem Vierspurgerät im Ashram von Nijagi Sanza auf. Seine Hauptbeschäftigung sind Musik und Meditation. Der vorher extrovertierte Rockmusiker kehrt sich nach innen, sucht die Stille und hört auf zu sprechen. Er benutzt seine Stimme nur, um zu singen; meistens ist er in Meditation versunken.

Nachdem ihn sechs Tage niemand gesehen hat, findet ihn Nadin Geinzer, eine Freundin aus Deutschland, die auch im Ashram wohnt, bewusstlos, dehydriert und fast verhungert auf einer Düne. Sie bringt ihn in ein indisches Krankenhaus. Eine Infusi- onsnadel verursacht eine starke Infektion, die immer bedrohlicher wird. Nadine fliegt mit ihm zur Behandlung nach Deutschland zurück. Er spricht immer noch nicht, wehrt sich aber nicht gegen die Hilfe im Krankenhaus. Seine Genesung schreitet voran und er beginnt, sich singend zu verständigen.

Nach seinem Aufenthalt im Krankenhaus wird er sofort in die Nervenheilanstalt in Bad Hersfeld eingewiesen. Nach längerem Aufenthalt stabilisiert sich sein psychischer Zustand.

Er kehrt in die Fränkische Schweiz zurück und zieht in den alten Bauerhof ein, der inzwischen teilweise zu einem Jugendzentrum umgebaut wurde und beginnt wieder Schlagzeug zu spielen. Er entdeckt den Soul neu für sich und probt mit der regional bekannten Soulband die Soulisten, deren ältestes Mitglied er wird. Sie spielen 50 Auftritte im Jahr als bezahlte »Revueband« auf Hochzeiten, Volksfesten, aber auch auf kleinen Indiefestivals und in Nürnberger Clubs. Die Soulisten stehen für authenti- schen Soul und hohe musikalische Qualität. Nebenbei verrichtet Stefan Hausmeister- dienste im Jugendzentrum.

1975

1979

1990

 

INTERVIEW

April '03 Super Magazin 04/03

Guten Tag, Stefan. Wie geht es Ihnen?

Ich kann nicht klagen. Danke der Nachfrage.

Es gab auch Zeiten, da sah das ganz anders aus: Mitte der achtziger Jahre musste man Angst haben, Sie würden den Drogentod sterben. Dann kam die Entscheidung, nach Indien zu gehen. Was als kreativer Befreiungsschlag gedacht war, endete zumindest für Sie jedoch in einem gesundheitlichen Fiasko. Sie entschieden sich, nicht mehr zu sprechen, nicht mehr zu essen.

Das Hungern war keine bewusste Entscheidung. In der Meditation kann man bestimmte Stadien erreichen, in denen man den eigenen Körper nicht mehr wahrnimmt. Je öfter man diesen Zustand erreicht, desto schwieriger wird es, wieder zu seiner Körperlichkeit zurückzukehren. Die trans-zendentale Sphäre entwickelt ihre eigenen Gesetze.

Und das Sprechen? Wie hätte dieses Interview vor 15 Jahren ausgesehen? Hätten Sie mir singend geantwortet?

Die Leute haben eine falsche Vorstellung davon, was es heižt, nur noch singend zu kommunizieren. Wenn wir beide uns damals wirklich getroffen hätten und Sie angefangen hätten, mir Fragen zu meiner Rolle als Rockmusiker zu stellen, hätte ich Sie wahrscheinlich nicht einmal bemerkt. Wenn man erst einmal den Schritt gegangen ist, nur noch zu singen anstatt zu sprechen, dann geht man nicht mehr in eine Kneipe und bestellt sich dort singend ein Bier; oder fragt singend, ob mal kurz jemand beim Wäscheaufhängen helfen kann. über Alltägliches wird dann eigentlich gar nicht mehr ŃgesprochenĎ. Solche Dinge laufen dann stumm in einer eigenen Würde ab.

TRAVELLER, das Album, das Sie mit FALCONHOOD in Indien aufgenommen haben, war in Deutschland und England ein grožer Erfolg und gleichzeitig die letzte Veröffentlichung von FALCONHOOD. Wie viel haben Sie von diesem Erfolg damals noch mitbekommen?

Rein gar nichts. Ich bin ja damals als einziger in Indien geblieben. Der Ashram von Nijagi Sanza ist ziemlich abgelegen, Besuch ist da nicht üblich. Und interessiert hat mich das alles ohnehin nicht mehr. Ich wollte meine Vergangenheit hinter mir lassen und einen neuen Weg gehen.

Sie haben dann ganze sechs Langspieler veröffentlicht, die noch heute als authentische Beispiele indischer Meditationsmusik gelten. Verglichen mit dem, was die BEATLES 1968 in Indien musikalisch getrieben haben, eine beachtliche Leistung. GEORGE HARRISONS Interpretationen indischer Musik klangen für die Ohren seiner Mitmenschen angeblich immer wie Musik aus der Waschmittelwerbung.

Dazu kann ich nicht viel sagen. Dass die Aufnahmen aus dieser Zeit je Indien verlassen haben, ist vor allem auf die Gier von Leuten zurückzuführen, die ich damals für meine Freunde hielt. Die waren jedoch weder an meiner Musik, noch an mir oder meinem Leben in Indien interessiert, sondern an dem Geld, das sich damals mit meinem Namen und dem Namen FALCONHOOD machen liež.

Spielt Geld für Sie heute eine grože Rolle?

Jemand, der eine Idee im Herzen trägt, braucht kein Geld, weil sich das von allein einstellt. Man darf nicht sagen, wenn ich Geld hätte, würde ich das und jenes machen, sondern muss einfach loslegen, dann werden sich die Mittel, um die Idee zu realisieren, schon finden. Man muss die Wirklichkeit, die man sich wünscht, selbst kreieren.

Haben Sie jemals an sich gezweifelt?

Ich möchte selbst interessante Kunst schaffen. Und wenn ich Dinge für Geld mache, die mich nicht interessieren, dann sollten sie auch nichts mit mir zu tun haben oder mich beeinflussen. Mir macht es nichts aus, in einer Schublade zu stecken, aus der ich eigentlich heraus gewachsen bin, solange ich das Ende des Tunnels sehen kann. Ich häute mich immer wieder, wie eine Schlange. »Behind the Mask of Cat Corona« hat mich gerettet. Ich weiß aber, dass das schon lange nicht mehr ich bin, die da im Film zu sehen ist. Vielleicht war ich es nie. Ich hatte damals nicht nur die kreative Kontrolle abgegeben, sondern auch mein eigenes Leben nicht mehr im Griff. Jetzt fühle ich mich großartig. Billy (Meisler, Produzent; Anm. d. Red) und SFL Records können mich mal am Arsch lecken. Musik sollte ohne Labels funktionieren, ohne Geld.

Wie funktioniert die?

Ich mache es so, dass ich frühmorgens, wenn der Tag anbricht und ich Ruhe habe, mich für Gott öffne. Ich singe "OM", die Silbe für das göttliche Selbst, das alles umgreift und auch in mir ist. Ich lasse alles zurück und öffne mich. Dann laufen mir die Tränen herunter und waschen alles weg. Sie reinigen mich. Auch meine Selbstkritik und die Magengeschwüre. Deshalb muss ich nie zum Arzt. Im Krankenhaus war ich nur ein einziges Mal, das war nach meinem Zusammenbruch in Indien.

Hatten Sie als Junge den Ehrgeiz, berühmt zu werden?

Ich war doch schon immer berühmt. Im Freundeskreis zum Beispiel. Zwischen privat und nicht privat gibt es für mich keinen Unterschied. Die ganze Welt ist privat, denn überall leben Menschen, die sich Gedanken machen, wer sie sind. Was ist Berühmtsein im Anbetracht des absoluten göttlichen Geheimnisses? Wir werden geboren, leben, leiden und freuen uns einige Jahre, um wieder zu sterben. Ein kurzer Funke im Lauf des Werdens und Vergehens. Ich nehme mein Leben so wie es ist und bin dankbar für jeden Augenblick. Ich freue mich an den Aufgaben, die ich mir selbst stecke und die meine Freunde und Mitmenschen an mich herantragen. Ja, ich freue mich auch, Teil von FALCONHOOD gewesen zu sein. Das hat sich bis heute nicht geändert. FALCONHOOD war irgendwie auch mein Kind. Und ich bin froh, dass es irgendwann von zu Hause ausgezogen ist. Leben heißt loslassen.