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Timeline
 
 

1959-
1978

Flyer für eine Veranstaltung im Citizen Theater New York 1978

OFF BROADWAY

Joshua schwarz wird 1959 als Sohn der Schauspielerin Magda Schwarz und des Theaterintendanten Frank Snyder in New York geboren. Seine jüdische Mutter emigrierte mit ihrer Familie 1934 aus Deutschland in die USA, um der beginnenden Nazirepression zu entgehen. Joshua genießt eine liberale Erziehung. Mit zwölf Jahren nimmt er Klavierunterricht beim Musikdirektor des Citizen Theaters, dessen Eigentümer seine Eltern vor kurzem geworden sind. Schon mit sechzehn begleitet er am Klavier eine Vorstellung im Theater. Im Alter von achtzehn Jahren lernt er den Kunststudenten Bobo Flitz kennen. Bobo beschäftigt sich mit Körperausdruck und Gesang. Für Bobos erste große Performance im Jahre 1977, zwei Jahre nach dem Ende des Vietnamkrieges, komponiert Joshua die Musik: Sie schaffen sein Piano auf den Timesquare, er beginnt zu spielen. Bobo zieht sich splitternackt aus, beschmiert sich mit Blut, tanzt, singt und schreit Laute und Wortfetzen. Beide werden in Ketten abgeführt.

Joshua beim Frühstück
Privatfoto New York 1974

 

Joshua Schwarz und Bobo Flitz in der Kunsthochschule
New York 1979

Joshua interessiert sich für die neuen Töne, die elektronisch erzeugt werden können. Er experimentiert mit dem Moog-Synthesizer, den sein Vater für das Citizen Theater angeschafft hat, um Special Effects für die avantgardistischen Theaterstücke arrangieren zu können. Nach einiger Zeit beginnt er, das Gerät umzubauen, um neue, nie gehörte Sounds zu erzeugen. Für das nächste gemeinsame Projekt mit Bobo Flitz, das im geschützten Raum der Kunsthochschule stattfindet, erzeugt er elektronische Sounds zu verschiedenen Emotionen, die Bobo mit vollem Einsatz seiner Stimm- und Körperperformance zum Ausdruck bringt. Das Projekt ist ein voller Erfolg. Eine Woche später stellt sich ihnen Ruby Giant vor; er hat Teile der Performance auf Video aufgnommen und eine Tonaufnahme gemacht. Er selbst spielt Schlagzeug und studiert Malerei.

 
 

1978-
1981

Come Or Die
Flyer 1979

WRRRARRR USA
Tourposter 1981

THE MISSING LINK

Joshua und Ruby treffen sich im Theater und machen zusammen Musik. Sie improvisieren und finden sofort einen Draht zueinander. Es entsteht die Idee, eine Band zu gründen. Bobo verschlie§t sich zunŠchst; er will die Gesellschaft nicht unterhalten, sondern sie mit Kunst verŠndern. Als Bobo aber die beiden hšrt, singt und tanzt er sofort mit und ist dabei. Die Band nennt sich The missinG Link. Der Schlagzeuger Ruby bringt Rhythmus und Struktur in die sphŠrischen Sound- und Stimmcollagen. Bald treten sie in ihrem Lieblingsclub, The hard cunT als Ausklang der Abende auf. Ruby beschŠftigt sich mit Super-Acht-Filmen als künstlerische Darstellungsform. Er dreht Clips und entwickelt filmische Geschichten zu ihren Musik- und Performancestücken. Die Projektion dieser Filmclips auf ihre Auftritte geben der Performance eine neue Dimension. Ruby stellt seine Arbeiten zusammen mit den Musikstücken auch im Kunstkontext aus.

The Missing Link veršffentlicht ihr erstes Album in smarT, einem Verlag für Künstlerschallplatten. Für smART wird das der Beginn einer erfolgreichen Label-karierre. Das Album ist nicht nur für Kunstfans interessant, sondern wird von einem grš§eren Publikum gekauft.

Der Verlagsbesitzer wird zum Manager einer Amerika- tour. Er hat vorher nur Lesereisen und Kunstevents organisiert. Die Konzertorte sind schlecht ausgewŠhlt, und diese neue Musik von Missing Link kommt im Rest Amerikas weitaus schlechter an als in New York. Eine Ausnahme ist San Francisco, ihr letzter Auftrittsort, worauf hin die Band noch drei Abende spielt. Bobo, der immer schon einen Hang zu Rausch und Ekstase hat, verŠndert sich infolge seines extensiven Drogenkonsums immer stŠrker und verliert sich in seiner Egozentrik. Er verleugnet den musikalischen Beitrag der anderen und sieht sich als Messias einer neuen musikalischen Bewegung.

Joshua hinter der Bühne
The Hard Cunt New York 1979

 

DIOPTRIA Tour Poster
Judy Belaqua 1986

DIE ZEITEN HABEN SICH GEÄNDERT

Schließlich trennen sich Ruby und Joshua von ihm. Pete Willner, ein Freund Rubys, der sich früher um Licht und Projektion bei den Auftritten kümmerte, springt als Sänger ein. Pete interpretierte die alten Songs in einer ganz neuen Art. Statt nur effektvolle Laute von sich zu geben, singt er klangvolle, raue Melodien. Sie beginnen zu dritt neue Stücke zu schreiben und stellen ein Album zusammen.

Smart, inzwischen zu einem Label für Under- groundmusik geworden, bringt die Platte heraus. Das Album rouGh ciTy ist der zweite große Erfolg des Labels. Die Single, ein reiner Tanzhit, schafft es in England auf Platz 8 der Charts, in Amerika ist sie Platz 17, in Australien, Canada und Deutschland ist der Song jeweils mehrere Wochen auf Platz 1 der Charts.

Das Konzept der Band geht auf. Im Gegensatz zu früher, als ihre Musik aus Bobos exzentrischer Performance erwuchs, setzen Joshua, Ruby und Pete nun auf ein künstlerisches Gesamtkonzept, studieren gemeinsame Choreografien ein und strukturieren ihre Songs konventioneller. Sie gehen auf Welttournee und arbeiten motiviert an ihrem nächsten Album. Technische Entwicklungen in der Tonerzeugung sind für Joshua immer eine große Motivation und werden von ihm auf die Spitze getrieben. Er experimentiert mit einem Comodore PET und generiert für ihr drittes Album einen neuen Schlagzeugsound. Das Publikum ist davon jedoch nicht überzeugt.

1981-
1984

Joshua im Studio
New York 1984

Missing Link Studio New York 1983

 

DER MEDIENKÜNSTLER

Ruby will sich nach der anstrengenden Zeit der Tour und im Studio wieder mehr auf seine Filme konzentrieren; Joshua und Pete fehlen Ideen für die Weiter- entwicklung von The Missing Link. Sie beschließen eine Auszeit. Joshuas Interesse für den Computer ist stark gewachsen, und er beginnt nicht nur mit Sound, sondern auch mit Schrift und Darstellung auf dem Bildschirm zu experimentieren. Er entwickelt erste Videos am PC, indem er Sequenzen aus ascii-arT hintereinander abspielt. Als Ruby ihn in seinem Studio besucht, zeigte er ihm die Ergebnisse. Beide stellen gemeinsam eine Ausstellung mit Super-Acht-Filmen und Videosequenzen zusammen. Das Kunstpublikum ist vor allem von Joshuas Monitorarbeiten begeistert. Bei der Ausstellung tritt Joshua Schwarz zum ersten Mal als Medienkünstler in Erscheinung. Seine Werke gelten heute als Klassiker der Medienkunst. Joshua Schwarz arbeitet in dem inzwischen zum Studio umgebauten Theatergebäude seiner Eltern. Seit 2006 beherbergt er dort eine Galerie für Video- und Medienkunst, in der er viel versprechenden Newcomern eine Ausstellungmöglichkeit bietet.

1984-Heute

Joshua vor seiner Arbeit the arch
New York 1985

 
 
 

INTERVIEW

August '07 Knarlm Magazin Ausgabe 76

Mr. Schwarz, seit Beginn Ihrer Karriere als Künstler haben Sie immer wieder Grenzen überschritten und bestehende Formen durchbrochen.

Die Welt, die sich ändert und die uns neue Fragen stellt, lässt sich nicht mit den Formen der Vergangenheit zum Ausdruck bringen. Heute steht die Menschheit vor einem Abgrund und wir können nicht so tun, als ob uns als Künstler das alles nichts anginge. Kunst und Kultur sind herausgefordert mit neuen Mitteln in neuer Weise sich und die Welt zum Ausdruck zu bringen.

Ende der sechziger Jahre sind Sie eher zufällig zum Aushängeschild der neuen Medienkunst geworden. Mit Computern hatten Sie bis dahin nur am Rande zu tun. War es Ihre naive Neugier, die Ihnen den Blick auf das ungenutzte Potenzial des Computers eröffnet hat?

Vielleicht ja. Die Idee, aus Bildern Filme zu machen, war aber auch damals nicht mehr ganz neu (lacht). Ich war vielleicht einfach nur einer der ersten, der im Computer so etwas wie eine Wundertrommel, eine Traummaschine gesehen hat. Das war aber sicherlich nicht nur meine Idee. Die Science-Fiction-Literatur hat das schon lange literarisch vorgemacht. Jetzt, mit der neuen Technik, wurde es auch realisierbar. Dabei hat mich am Computer nie so sehr die Technik interessiert, sondern seine Wirkung und seine Wahrnehmung: Der Computer als ästhetisches Phänomen. Während die meisten Menschen, die mit Computern zu tun hatten, ihren Kopf in der Maschine stecken hatten, habe ich von außen darauf geschaut.

Die Kunstgeschichte erzählt es zumindest so, dass Sie der erste Künstler waren, der versucht hat, den Computer künstlerisch zu nutzen.

Man kennt mich als Computerkünstler mehr als über meine Musik. Dabei war ich schon damals als Musiker bekannt. Anfangs setzte mich das unter Druck, die Erwartungshaltung war groß. Am Beginn stand noch nicht vor Augen, welche künstlerischen Möglichkeiten der Computer bietet. Vor allem, ob so begrenzte Formen wie ASCII Art je voll ausgeschöpft werden können. Wie sollte man das beurteilen? Viele der technischen Neuerungen landen oft zunächst in der Versenkung, bevor sie ganz zur Entfaltung kommen. Vielleicht werden sie Jahre später von irgendeinem jungen Künstler wieder zum Leben erweckt. Oder jemand arbeitet so lange in seinem Kämmerlein, bis sich ein aktuelles oder nostalgisches Interesse seiner Arbeit zuwendet. Beim Computer war das alles ganz anders: Die Technik war von Anfang an eine Revolution und hat alle Erwartungen übertroffen. Das Zeitalter der bits und bytes wird in Zukunft noch viel stärker die ästhetik aber auch die Kunst als Ganzes prägen.

Ihr Atelier und Studio war seit den frühen achtziger Jahren auch als ãThe LabÒ bekannt. Die Prominenz aus Musik, Kunst und Politik schwärmte von einem Ort des Experiments. Seitdem kennt man Sie als eine Mischung aus kreativem Künstler, Wissenschaftler und Lebemann.

Die Neugierde und Spontaneität, mit der ich beim allerersten Mal einen Computer bedient habe, kann man vielleicht heute nicht mehr nachempfinden. Die Kinder wachsen heute selbstverständlich mit diesen Maschinen auf. Ich habe in meiner Kunst immer das Elementare, Einfache gesucht, - gerade das ist das Schwierigste. In meinem Studio gab es nie komplizierte Installationen. Wahrscheinlich kamen deshalb die vielen Menschen zu mir. Mein Atelier war eine Art Spielplatz, auf dem die allgegenwärtige Endzeitstimmung mit ihren ängsten, ihren

Fixierungen, ihrer Gier, ihrer Selbstlosigkeit, ihren Hoffnungen in kreativer Weise eine Inszenierung fand.

Sowohl Ihre Musik, als auch Ihre Kunstwerke aus dieser Zeit befassen sich auffallend oft mit Pornographie

Das war damals auch eine Reaktion auf AIDS. Keiner von uns wusste, wie er damit umgehen sollte. Wenn ich sehe, dass heute ein Großteil des Datenverkehrs im Internet porno-graphische Inhalte transportiert, dann lässt mich das weder an der Kultur noch an den Menschen zweifeln. Das war damals nicht anders. Als in den neunziger Jahren Deep Throat in ASCII Art übersetzt wurde, spürte ich eine tiefe Verbundenheit zu dieser Kunst. Nicht nur der Pornographie wegen, obwohl ich wirklich das Gefühl hatte, jemand würde eine, vielleicht sogar meine Tradition weiter-führen. Das Beste war jedoch der Akt der übersetzung an sich. Obwohl mich Medientheorie nie sonderlich interessiert hat, wusste ich, dass das zugleich eine Verbeugung und ein revolutionärer Akt waren. Jemand hatte den Spielraum erweitert.

In Ihrem bisherigen Leben gab es immer beides, Musik und Bild, das akustische und das visuelle Experiment. Beides vereint sich in Ihrem Studio hier in New York. Sie leben und arbeiten nun schon seit mehr als 50 Jahren hier. Brauchen Sie ein festes Koordinatensystem um überhaupt arbeiten zu können?

Ja. Mein Studio gibt mir Stabilität. Hier im einstmaligen Citizen Theater meiner Eltern, das mich mein ganzes künstlerisches Leben begleitet hat, ergeben sich die schöpferischen Phasen. Das empfinde ich als großes Glück. Natürlich: Wer kreativ ist, ist risikobereit und macht immer zwei Schritte in die Dunkelheit, wie es der Saxophonist Benny Golson gesagt hat. Er geht über das Bekannte hinaus um sich und die Welt neu wahrzunehmen. Dazu muss ich aber mein Studio nicht verlassen. Im Gegenteil. Mein Studio ist meine ãZelleÒ, über die ich das ganze Universum erreiche. Es regt meine Kreativität an.