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Timeline
 
 

1950-
1965

Erstkommunion
Privatfoto Osnabrück 1956

EINE TRAGISCHE KINDHEIT

Harald Schneider wird 1950 in Osnabrück geboren. Das Fotostudio seiner Eltern liegt in der Altstadt und Harald verbringt dort einen großen Teil seiner Kindheit. Mit zehn Jahren wechselt er auf ein katholisches Internat. Der auf- geweckte Junge verwandelte sich in kurzer Zeit in einen rebellierenden Rowdy, der sich gegen jede Autorität auflehnt. Seine schulischen Leistungen leiden jedoch kaum darunter.

Sein Vater ist Kinofan. Er erfüllt sich mit seiner Frau im Sommer 1963 einen großen Traum: Sie fliegen nach Los Angeles, um sich Originalschauplätze und Filmstudios ihrer Lieblingsfilme anzusehen. Während dieser Zeit verbringen Harald und seine kleine Schwester die Ferien bei ihrer Tante, die mit ihrem Mann, einem französischen Modefotografen, nicht weit von Paris lebt. Die Reise der Eltern endet tragisch. In der Nähe von Baldwin Hills wird, infolge des Bruchs des dortigen Wasserspeichers, ihr Auto von einer Flutwelle erfasst. Beide kommen um.

Die beiden Kinder bleiben in Frankreich bei den Verwandten in Paris. In den Hinterlassenschaften der Eltern findet Harald die akustische Gitarre seiner Mutter, die sie seit ihrer Jugend nicht mehr gespielt hat. Immer wieder holt er die Gitarre hervor und schlägt die Saiten an. Dabei probiert er so lange, bis er mit den Tönen zufrieden ist. Er überlegt Klangabfolgen und beginnt eigene Stücke zu komponieren. Wenn er im Fernsehen die Musikshow Top of The Pops sieht, sitzt er wie gebannt vor dem Bildschirm und versucht hinter die Grifftechnik der Musiker zu kommen.

In der Schule gilt er als der mysteriöse deutsche Außenseiter und findet kaum Kontakt. Im Sommer 1965 kommt Wiliam Davis, ein Engländer in die Klasse. Er kleidet sich schwarz und liest Fantasieromane. Als er auf dem Pausenhof verprügelt wird, hilft ihm Harald nach Hause. Die beiden entwickeln eine enge Freundschaft. Wenn Harald Gitarre spielt, singt Wiliam dazu; anfangs noch etwas zaghaft, aber dann entwickelt sich seine Stimme immer mehr in einer ganz eigenen ausdrucksvollen Art, in der er zu den folkigen Stücken von Harald singt. Wiliam schreibt Texte über Drachen, Zwerge und Hexen, aber auch über geheimnisvolle außerirdische Prinzessinnen und Abenteuer im Weltraum.

Harald in der Schule
Meudon 1965

Harald Schneider
Privatfoto Osnabrück 1957

 

WEISSE FLAMMEN

In der beginnenden Pariser Hausbesetzerszene eröffnet sich für sie ein neuer Freiraum und sie probieren alles aus, was sich ihnen bietet. Sie nehmen allen Mut zusammen und geben vor ihren Freunden ihr erstes Konzert an einem Sommerabend an der Seine. Beide haben ihr Gesicht silbern bemalt. Ihr alternatives Publikum ist begeistert. Sie werden zu Parties eingeladen und spielen auf Jamsessions. Schnell finden sich drei neue Mitstreiter: Francois Bedou (Bass), Tongu Lotard (Piano) und Leonard Trichy (Schlagzeug). Die neuen Bandmitglieder bringen mehr Rhythmus und Geschwindigkeit in die Musik. Sie geben sich den Namen White Flame. Ihr Ziel: Musik »aus einer anderen Welt«. Sie experimentieren viel mit dem Sound. Die Lieder wandeln sich beim Spielen und klingen nach drei Wochen anders als vorher. Sie spielen in Pariser Bars, auf alternativen Festivals und schaffen es immer wieder, mit folkigem Glamsound und extravagantem Auftreten ihr Publikum zu begeistern. Vor allem Wiliam versteht es, sich mit einer figurbetonten Kleidung, mit Damenschmuck und Plateauschuhen in Szene zu setzen. Schon vor den ersten Aufnahmen für ihr Debutalbum White Fire schafft es Wiliams Mutter, eine Redakteurin, die Band als Trendsetter in eine Mode- zeitschrift zu platzieren, und sie werden zu neuen Stilikonen. Das Album wird ein großer Erfolg, zuerst auf dem französischen, und, nach ihrer Europatour als Vorgruppe der amerikanische Glam- rockband The sour, auch auf dem internationalen Musikmarkt. Die Tourerfahrung regt ungemein ihre Kreativität an; nach drei Monaten gehen sie ins Studio und spielen ihr zweites Album, White Woods ein.

1965-1976

White Flame Poster 1973

 

1977

White Flame Promofoto 1976

R.I.P.

Schon auf ihrer ersten eigenen Tour füllen sie große Hallen. Harald, der sich nun harry snyder nennt, genießt das Leben als Rockstar in vollen Zügen und feiert hemmungslos seinen Erfolg. Als die Band in der Fernsehsendung Beat! auftritt, trägt er nur einen Herrenslip, und sein Körper ist mit der die Notation des Stücks bemalt. In der deutschen Ausstrahlung dieser Beat!-Episode wurde dieser Auftritt von White Flame herausgeschnitten.

Die Band lebt nun in einer Kommune in einer Villa nahe bei Nizza. Sie propagiert »freie Liebe« und »freie Entfaltung aller menschlichen Ausdrucksformen« . Die komplexen Probleme des Kommunard-enlebens und der wachsende Erfolgsdruck erwiesen sich jedoch für Harry als ernsthafte Hindernisse in seinem musikalischen Schaffen. Er wird zunehmend unzufrieden. Seine freundschaftliche Beziehung zu Wiliam wird durch einige Vorkommnisse in der Villa unwider- ruflich zerstört, so dass er sich entscheidet, die Band zu verlassen. Sein Freund Andy Lypk von der Plattenfirma Imperator Record schlägt Harry das unmoralischste Angebot der Musikgeschichte vor: Am 11.09.1977 wird sein ausgebrannter Wagen am Strand von Nizza gefunden. Bei seiner »Beer- digung« eine Woche später auf dem Cimetière Père Lachaise nimmt die Welt Abschied von Harry Snyder und trauert um ihn.

Harry auf der Bühne Berlin 1977

 

2011

Harry 2011