Recordplayer
Timeline
 
 

1965-
1980

Einzelheft

Einzelheft
3 Ausgabe 1979

BERLIN, PUNK UND DIE ERSTE LIEBE

Katrin Hofer wird 1962 in Berlin geboren. Sie wächst bei Mutter und Großmutter auf. Auch ihr Vater, ein amerikanischer GI, lebt bei der Familie. Als sie sechs Jahre alt ist, trennt er sich von der Mutter und kehrt in die USA zurück. Katrin hört immer wieder die zurückgelassenen Rock'n'Roll-Schallplatten ihres Vaters. Sie ist begeistert.

Mit 14 lernt sie über ihre Freundin erste Berliner Punks kennen. Punk-Bands entstehen, und sie ist bei jedem der Konzerte dabei. Mit sechzehn gehört sie zur wachsenden Berliner Punkszene und gestaltet Flugblätter und Plakate. Mit ihrem Fanzine Einzelheft macht sie auf sich aufmerksam. Die erfolgreiche britische Punkband The Brixtons nimmt zu dieser Zeit in Berlin ihr zweites Album auf. Katrin kennt die Betreiber des Tonstudios und stattet der Punkband einen Besuch ab. Die Aufnahmen laufen schlecht. Der Rhythmusgitarrist weigert sich, seinen Verstärker leiser zu drehen; sein musikalisches Können ist zu gering, die Stücke zu ungeprobt für eine ernsthafte Studioaufnahme. Bei den Auftritten in der Stadt ist er meist besoffen, spuckt ins Publikum und wird dafür geliebt. Katrin verbringt die verbleibenden drei Aufnahme- wochen strickend im Studio. Kurz vor dem Abschluss verliebt sie sich in Tailor Thompson, den Songwriter und Leadgitarristen. Eine Woche später zieht Katrin mit den Brixtons nach London. In der dortigen Punkszene ist sie schnell zuhause. Mit zwei Freundinnen gründet sie eine Band, in der sie Bass spielt. Von den Brixtons leihen sie sich, was sie dafür brauchen. Sie nennen sich The Gouges, nach der französischen Frauenrechtlerin Olympe de Gouges.

Kartin Höfer
Berlin 1977

 

Katrin und ihre Freundin Spätzle
Berlin 1978

 
Einzelheft

Videostil aus Go Go Gouges
Peter mets 1981

THE GOUGES, ERSTE ERFOLGE, TRENNUNG

Nach 3 Monaten intensiver Proben treten The Gouges zum ersten Mal als Vorband der Brixtons auf. Der Gig dauert 20 Minuten, und die Gesangsanlage ist viel zu leise. Die drei jungen Frauen schreien sich die Seele aus dem Leib und die Menge tobt. Die Gouges verstehen es, ihre minimalistischen Instrumentalkenntnisse energetisch auf den Punkt zu bringen und strahlen Enthusiasmus aus. Motiviert durch den ersten Erfolg übt die Band intensiv, erweitert ihr Repertoire und ihr spielerisches Können. Vor allem Katrin ist motiviert. Ein Jahr später touren die Gouges mit den Brixtons durch Europa. Sie unterschreiben einen Plattenvertrag mit der Londoner Firma SFL-records und nehmen ihre erste Scheibe auf: shout your name. Als die Band die Platte auf einer eigenen Tour promoten soll, ist sie bereits in Auflösung begriffen: Tailor Tompson ist nicht mehr mit Katrin Hofer, sondern mit der Gitarristin Anny Smith zusammen; die Schlagzeugerin Sandra Nilson ist schwanger und will nicht mehr mitspielen. Dazu kommt, dass sich Katrins musikalische Ansprüche geändert haben. Die Gouges treten nicht mehr zusammen auf, obwohl der Plattenvertrag für drei LPs abgeschlossen war. SFL-Records sind ratlos: Sie schlagen Katrin vor, sie als Solokünstlerin und »Punklady« zu vermarkten und dazu eine Backroundband zusammen zu stellen.

1980-
1982

Einzelheft

Gouges Flyer
London 1981

Einzelheft

The Brixtons Tour Plakat
1981

 

1982-
1985

Einzelheft

Chris Liebermann und Katrin Höfer
Privatfoto New York 1987

Einzelheft

CAT CORONA

Katrin verlangt in den Verhandlungen mit SFL-Records musikalische Freiheit, die ihr auch zugestanden wird. Sie willigt in das Soloprojekt ein und nimmt den Künstlernamen caT corona an. Unter dem Titel Cat Corona & The Gouglettes spielt sie ihre erste Platte ein: Scharfer Wavesound, experimentelle Improvisationen, dissonante Akkordeon- einlagen. Das Album findet bei den Kritikern groe Beachtung, - weniger jedoch beim Publikum. Die Plattenfirma ist enttäuscht, macht ihr Vorgaben und schränkt ihre kreative Freiheit ein. Für das neue Album engagiert SLF-Records den erfolgreichen Produzenten Billy Meisler, der bei einem Drittel der damaligen US-Chart- platzierungen seine Hand im Spiel hat. Mit ihm im Boot erhofft sich die Plattenfirma den kommerziellen und finanziellen Durchbruch. Auch das visuelle Konzept wird verändert: Cat soll sich weiblicher geben und trendige Punkmode tragen. Auf einer Party lernt Cat den jungen Independent-Filmemacher Chris Liebenstein kennen. Er eröffnet ihr, dass er ein groer Fan ihrer letzten Platte ist und gerne seinen neuen Film mit einigen ihrer Lieder ausstatten würde.

Cat ist begeistert und verliebt sich in Chris. Meisler dreht von Cat ein sensibles Filmportrait mit längeren Interviewpassagen. Sie spricht über die Differenzen mit Plattenfirma und Produzent und wie belastend die veränderte Arbeitssituation für sie ist. Die neue Platte, Cat Corona - The Sleezy Show wird von SFL-Records stark promoted: Plakatwerbung, Interviews in Magazinen und Auftritte im Fernsehen. Die Single der Platte erreicht Platz 7 der UK-Charts und Platz 5 der US-Charts. Cat spielt bei ihren öffentlichen Auftritten ihre Rolle als Punklady Cat Corona und lässt sich ihren Unmut nicht anmerken. Während der gerade angelaufenen Tour erscheint Liebensteins Filmportrait Behind The mask of Cat Corona . Peinlich für die Plattenfirma, ein riesiger Erfolg für Chris Liebenstein.

Einzelheft

Behind the Mask of Cat Corona
Filmplakat 1985

Einzelheft

Videostil aus
Behind the Mask of Cat Corona
Chirs Liebestein 1985

 

1985-Heute

Einzelheft

The 9 Rules of Goldpanning
Filmplakat 1999

KATRIN HÖFER IN NEW YORK

Nach dem Kinostart von Behind the mask of Cat Corona sind die verbleibenden Konzerte der Tournee alle ausverkauft, die Verkaufszahlen auch ihrer früheren Platten steigen. Der Vertrag mit SLF-Records wird jedoch nicht verlängert und Meisler versucht Cat wegen öffentlicher Verunglimpfung zu verklagen. Sie zieht mit Chris nach New York und macht Musik für seine Filme, wieder unter ihrem Mädchen- namen. Sie bekommen zwei Kinder. 1999 erhält Katrin Hofer den Arnold-Munk-Award des besten Soundtracks für den surrealistischen Westernkrimi 9 Rules of Gold Panning, in dem sie Vorkriegsblues und asiatische Melodien mischt. Seit 2009 lehrt sie als Dozentin an der New york school of motion pictures im Fachbereich Filmmusik.

Einzelheft

Katrin Höfer 2004
Privatfoto New York

 
 
 

INTERVIEW

Mai '87 Pexx Magazin 03/87

Katrin, sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen dem, was Sie heute quasi als Solokünstlerin auf die Bühne bringen, und den Anfängen mit The Gouges?

Ich denke schon, dass es da Gemeinsamkeiten gibt. Ich meine, das bin immer noch ich, die da auf der Bühne steht. Und obwohl The Gouges ja vor allem eine Punkband waren, wollten wir von Anfang an auch musikalisch auf die Kacke hauen. Und für uns stand das auch nicht in einem Widerspruch zu Punk. Wie für viele andere auch, war Punk für uns eigentlich schon tot, als wir mit der Band angefangen haben. Warum The Gouges überhaupt so lange zusammen geblieben sind erscheint mir im Nachhinein wie ein Wunder. Nur die Musik selbst hat uns am Laufen gehalten. Für mich hat sich das auch mit den Gougettes nicht verändert.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich mit Nichtigkeiten nicht aufhalten wollen.

Wissen Sie, ich habe nicht das Gefühl, dass ich irgendjemandem etwas schuldig bin. Am Ende stehe da ich mit einer Handvoll Leute. Und schließlich sollte man doch vor allem Spaß an den Dingen haben, die man macht. Ich habe mittlerweile lernen müssen, dass es schmerzhaft werden kann, wenn man zu viel Kontrolle aus der Hand gibt oder geben muss. Wenn ich »Nichtigkeiten« sage, dann meine ich eben auch Dinge, die nichts für mich sind. Entscheidungen, die ich vor einem Jahr getroffen habe, beeinflussen mein Leben jeden Tag. Und in Zukunft möchte ich Dinge tun, mit denen ich besser leben kann. Deshalb muss ich konsequenter handeln.

Ihre Tour hat gerade erst angefangen. Haben Sie schon die Schnauze voll?

Es ist so, als hätte ich mir selbst einen Brief geschrieben, in dem steht, dass ich das durchziehen muss. Tatsächlich hat diesen Brief aber jemand anders für mich geschrieben. Ich hatte keine richtige Wahl. Doch die Tour läuft gut. Dass das so ist, habe ich nicht zuletzt einer Entscheidung zu verdanken, die ich nicht selbst getroffen habe. Ich glaube, dass ich nach dieser Tour einfach keine weiteren machen sollte.

Sie haben einmal gesagt, dass Tailor Thompson (The Brixtons, Anm. d. Red.) nicht nur ihr Liebhaber war, sondern auch wie eine Vaterfigur für Sie war. Ihr eigener Vater hat, als Sie sechs Jahre alt waren, die Familie verlassen.

Das stimmt. Aber ich glaube, dass mein Leben mit Tailor nichts mit meinem Vater zu tun hatte. Ich hatte ein gutes Verhältnis zu meinem Vater. Er war sehr lieb zu mir, ist mit mir Rollschuh gefahren und so. Und später hatte ich viel Zeit und Freiheiten, weil keiner da war. Tailor hat mir London gezeigt, sonst nicht viel. Vielleicht ist das die einzige Gemeinsamkeit, die die beiden haben: dass ich mit ihnen Zeit verbracht habe. Männer spielen in meinem Leben keine so große Rolle mehr.

Seit »Behind the Mask of Cat Corona« sind Sie erfolgreicher denn je. Das haben Sie einem Film zu verdanken, der Sie selbst in einer Situation zeigt, in der Sie am Boden liegen und es selbst nicht mehr auf die Beine schaffen. Den Film hat Chris Liebenstein gemacht, ein befreundeter Künstler, mit dem Sie weitere Zusammenarbeiten planen.

Wissen Sie, als Kind bin ich in Berlin fast jeden Tag ins Kino gegangen. Zusammen mit einem Freund habe ich da schon sehr früh die eigenartigsten Geschichten auf der Leinwand gesehen. Ich wusste noch nicht, dass das Leben auf der Leinwand

manchmal sehr nah an das echte Leben herankommen kann. Ich wusste nur, dass ich selbst irgendwann Bilder auf die Leinwand bringen würde. Obwohl Chris einen guten Film gemacht hat, weiß ich nun, dass mein eigener Platz nicht auf der Leinwand ist. Schon gar nicht als Anschauungs-objekt. Mein Platz ist vielmehr hinter den Kulissen. Ich kann mir gut vorstellen, Musik für Filme zu schreiben oder Drehbücher.

Ihnen wird schnell langweilig.

Ich möchte selbst interessante Kunst schaffen. Und wenn ich Dinge für Geld mache, die mich nicht interessieren, dann sollten sie auch nichts mit mir zu tun haben oder mich beeinflussen. Mir macht es nichts aus, in einer Schublade zu stecken, aus der ich eigentlich heraus gewachsen bin, solange ich das Ende des Tunnels sehen kann. Ich häute mich immer wieder, wie eine Schlange. »Behind the Mask of Cat Corona« hat mich gerettet. Ich weiß aber, dass das schon lange nicht mehr ich bin, die da im Film zu sehen ist. Vielleicht war ich es nie. Ich hatte damals nicht nur die kreative Kontrolle abgegeben, sondern auch mein eigenes Leben nicht mehr im Griff. Jetzt fühle ich mich großartig. Billy (Meisler, Produzent; Anm. d. Red) und SFL Records können mich mal am Arsch lecken. Musik sollte ohne Labels funktionieren, ohne Geld.

Würden Sie heute nochmal eine Band gründen?

Ja. Aber wenn ich heute noch einmal eine Band gründen würde, würde ich den Proberaum nie verlassen. Unser Publikum und unsere Musik wären jeden Tag völlig unterschiedlich. Ich würde nie etwas veröffentlichen. Vielleicht würde ich nochmal ein Zine herausbringen, das nur von meiner Band handelt. Von einer Mock-Band, die dann vollkommen meinem Kommando untersteht. (lacht)